BLICK INS BUCH

CIRCUS WÖRTHSINI

WOLFGANG PROCHASKA

- beziehungsweise, wie ich Helmi, den Metzger, entdeckte
von Wolfgang Prochaska

Rückblick auf irgendwann, Anfang der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts…:
Auf einer Wiese steht ein kleines buntes Zelt mit einer Bühne. Darüber leuchten die verschnörkelten Buchstaben „Circus Wörthsini“. Davor Zuschauer, meist Einheimische, die gespannt warten.
Es ist ein warmer Sommerabend, die Veranstalter haben Glück.
Wer soll da eigentlich auftreten?
Auf jeden Fall keine Artisten, keine Dompteure. Vielmehr Hobbykünstler und Amateurmusiker.
Es ist ein buntes Treiben, dennoch frage ich mich, warum ich bei dieser Amateur-Veranstaltung meinen Samstagabend verschwende.
Doch dann passiert etwas, das mein Leben bereichern, verschönern und lustiger machen wird: Denn auf die Bühne tritt ein äußerst nervöser Mensch, dessen Gitarre ziemlich fremd an ihm hängt.
Ein Zuschauer, der bemerkt, dass ich von der Zeitung bin und mitschreibe, sagt: „Das ist der Helmi!“
„Wer bitte?“, frage ich.
„Na, der Raabe, unser Metzger.“
Aha, denke ich. Ein Metzger, der singen will.
Warum nicht?
Seltsamerweise fuchtelt dieses eigentlich gestandene Mannsbild auf der Bühne wie ein unreifes Zigarettenbürscherl herum.
Gleich stürzt er runter, befürchte ich. Gleich!
Aber das tut er nicht.
Vielmehr legt er los.
Ich höre: „Die Nacht war kalt, der Schnee fiel runter, da waren die Metzger vom Isele schon munter.“
Er singt mit leicht brüchiger Stimme, etwas Schmerzhaftes liegt darin, eine große Sehnsucht.
Welch ein Typ, denke ich. Und was für ein Text!
„Isele Rock“ lautet der Titel des Liedes über einen sensiblen Menschen, der das massenhafte Schlachten der Tiere nicht mehr erträgt, dem durch das Blut speiübel wird und der sich am liebsten wegbeamen möchte, während sein Metzger-Boss Isele sich morgens schon mit dem hochprozentigen Schnaps Eskorial Grün betäubt.
„Ganz traumverloren und schizophren sieht man den Willi stehen“, singt der Tiger. Es ist herzzerreißend. Das Ganze eingepackt in einen klassischen Rock‘n‘Roll.
Ich höre Uuhs und Aahs, und zum ersten Mal seinen Schrei, den Tiger-Schrei.
Das Verrückte an seinem Auftritt: Mehr als einen Song hat er noch nicht geschrieben. Sein Auftritt dauert gerade vier Minuten, aber ich bin beeindruckt, beeindruckt von seiner ungewöhnlichen Lyrik, beeindruckt von dieser Persönlichkeit, die den Schmerz in eine helle Dunkelmaterie verpackt.

Wie mir Helmi, der sich später Tiger Willi nennen wird, bei meinem ersten Besuch in seinem Haus in Steinebach gleich erzählt, musste er sich die Gitarre ausleihen, weil er seine in der Aufregung vergessen hatte.

Im Grunde genommen war sein Auftritt schon ein Vorgeschmack auf künftige Tiger-Willi-Gesamtshows: chaotisch zwar, aber anrührend und voller poetischer Anmut. Dennoch, trotz diverser Pannen – es waren vier Minuten, die in unserem künftigen Leben alles für ihn, aber auch für mich änderten.
Erst einmal schrieb ich für unsere Zeitung ein Porträt über Helmi den Metzger. Bei den Lesern fand das eine große Resonanz. Der Tiger aber war nun überzeugt, jetzt könnte ich auch sein Manager werden und ihm wichtige Auftritte verschaffen.
Er vertraute mir, vertraute mir sehr, ich hatte ihn ja schließlich entdeckt und ein neues Lebensfenster für ihn geöffnet: als Künstler und als poetischer Songwriter. Auch wenn ich von der Qualität seiner Darbietungen von Beginn an überzeugt war, ein Manager aber bin ich nicht.
„Der kann ja nur zwei Griffe auf der Gitarre“, musste ich mir damals anhören, als ich als einziger in der Presselandschaft über ihn schrieb. Auch bei meinen Kollegen erntete ich nur Spott. Am liebsten hätten sie meine Artikel unveröffentlicht in einer Schublade versteckt.
Alle Spötter Lügen strafte spätestens das Erscheinen der ersten CD. Bei der war ich mit dabei. Der Tiger aber konnte zeigen, dass in ihm weit mehr steckt, als ihm so manch‘ Zeitgenosse zugetraut hätte. Vor allem der Live-Mitschnitt des Songs „As Leben is a Schindamatz“ war der Beginn einer ungewöhnlichen Karriere als Songpoet.

Tiger-Willi wird bei Oma-Concert unter Vertrag genommen

Zurück zu den Anfangszeiten. Nach seinem ersten Gig, bei dem der Tiger noch als „Helmi, der Metzger“ auftrat und über den ich in der Lokalausgabe berichtet hatte, war Wilhelm Raabe überzeugt, dass nun viele Auftritte folgen müssten.

„Woifi“, wie er mich von Anfang an fast liebevoll nannte, „du kennst dich doch aus, du kennst auch wichtige Leit‘, wo i spuin kannt. Du warst für mich der richtige Manager.“

Ich war ehrlich und sagte dem Willi: „Auch wenn ich möchte‘, aber ich kann dir keine Auftritte besorgen. Ich kann auch nicht dein Manager werden. Das ist eine ganz eine eigene Geschichte. Da braucht man Kontakte, die ich nicht habe. Aber, ich kenne da eine, die sich bereits einen Namen in der bayerischen Kleinkunst- und Musikszene gemacht hat. Außerdem organisiert sie Auftritte unter anderem für Bruno Jonas und für die Alpinkatzen. Ich red‘ mal mit der.“

„Mei Woifi, dadast du des für mich machen. Moanst, de hilft mir weida?”

„Vielleicht. Aber vorher brauchts einen klangvollen Künstlernamen. Helmi der Metzger passt da nicht so richtig.“

Tiger: „Kennst du den Peter Kraus? Der singt doch so wie ein Tiger (…Tiger stimmt einen Song des erfolgreichen Rock’n’Rollers an) und am Ende macht er ROAR. Wenn i mi Tiger Willi nenne und dieses ROAR auf die Bühne bringen würde…? Des wäre doch was, oder? Sag scho.“

„Tiger Willi….“, wiederholte ich, Tiger Willi… Tiger Willi? Net schlecht. Des nehmen wir.” Und so wurde aus Helmi der Metzger der singende Metzger aus Steinebach, der sich fortan Tiger Willi nannte. Ich aber nahm allen Mut zusammen und rief Uli Singer von Oma-Concert an.

Ich: „Servus Uli, Spotzerl, du, ich ruf dich an, weil ich eine geniale Entdeckung gemacht habe.“

Uli: A gä weida. Entdeckung? Die kenn ich schon. Blond wahrscheinlich und maßtechnisch 90, 60, 90?

Ich: Ich mein es ernst. Eine musikalische Entdeckung. Ein richtiger Rohdiamant.

Uli: Ja, und ich soll dir helfen, ihn zu schleifen? Do wennst ma net gangast. Weißt du, wie viele wichtige Leute mich jede Woche anrufen, um mir irgend so eine geniale Entdeckung anzudrehen?
Ich: Uli, du kennst mich. Und, hab‘ ich dir schon jemals einen Künstler ans Herz gelegt? Siehst, jetzt hör ihn dir wenigsten einmal an. Der ist echt gut. Sauguad sogar.

Uli: I hob koa Zeit. I muass mi um die Alpinkatzen kümmern, die hab ich morgen beim SZ-Spektakel in Gauting. Mit vier weiteren Acts. Im Don Bosco. Ausverkauft.
Ich: Dann halt nächste Woche.

Uli: Verstehst mi ned, i hob koa Zeit nia ned. Und Nachwuchskünstler erfordern nicht nur viel Energie, sondern kosten auch viel Nerven.Wie heißt denn deine Entdeckung?“

Ich: Tiger Willi. Wohnt im Landkreis, in Steinebach. Der ist wirklich gut. Glaub mir’s. Hör ihn dir einfach ein einziges Mal an. Nur einmal. Bitte.“

Uli: „Du nervst. Du nervst wirklich.“
Ich: „Wenn’s der Sache dient, dann nerv‘ ich gern. Jetzt gib dir einen Ruck. Ich lad‘ dich dazu ein. Der braucht wirklich nur einen einzigen Gig, egal wo und mit wem. Dann spürst sofort, was im Tiger steckt.“

Uli: Okay. In zwei Wochen hab‘ ich den Ringsgwandl bei mir im Wörthseebrettl. Da schickst ihn rüber und dann lass ich ihn, falls der Ringsgwandl einverstanden ist, dazwischen einen Song spielen. Abgemacht?
Ich: Uli, du bist ein Schatz. Bussi. Bis in zwei Wochen.

Uli: Is scho guad. Wenn der aber nix taugt und wenn der mi blamiert, dann red i nie, nie wieda ein Wort mit dir.

Ich: Gä weida. Des hältst ja eh net durch. Na, Uli, du wirst säing, der Tiger ist wirklich gut und auf seine Art einmalig.

Danach ging alles sehr schnell. Uli Singer und der Ringsgwandl waren begeistert. Auch wenn mir die Singerin immer wieder versicherte: „I woaß net, Schneckerl. I versteh net, was der eigentlich song wui. Aber oans muaß ich zuagem. Er ist wirklich sauguad.“ Dank ihrer guten Kontakte hat sie den Tiger-Willi sowohl in den meisten Münchner wie auch in den wichtigsten Bühnen Bayerns und Österreich untergebracht. Stolz bin ich schon ein bißerl auf den Erfolg des Tiger-Willi. Ohne meine Hartnäckigkeit – wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Für uns aber, seine engsten Freunde, war der Tiger mit Sicherheit eine echte Bereicherung.

Aus "Sex, Drugs and Wurschtsalat"

 

ANMERKUNG DER REDAKTION

Uli Singer - langjährige Managerin des Tigers...

Nach Tiger Willis Tod haben sich viele bis dato nicht wirklich erkennbare Freunde plötzlich als "Entdecker" des Songwriters oder aber auch als "beste und langjährige Freunde" zu erkennen gegeben. Als Freundin der ersten Stunde (natürlich neben seiner langjährigen wirklichen Freundin Uli - ja, die hieß auch Uli - eine der liebenswertesten Frauen, die der Tiger je an seiner Seite hatte und die lieber eine Streicheleinheit denn eine Peitsche für ihn parat hatte) möchte ich hier ein für allemal feststellen: Den Tiger entdeckt und ihn mir mit Nachdruck ans Herz gelegt - das war einzig der "Schneckerl" alias Wolfgang Prochaska ...
In diesem Sinne, Uli Singer
langjährige Freundin und Managerin des Tigers und entgegen aller Gerüchte, die in jüngstre Zeit in Umlauf gebracht wurden: Ich habe zwar viele Nächte mit ihm verbracht, jedoch bin ich nie in einer "Liebesbeziehung" mit dem Tiger gewesen... Seine wirklichen Freunde und ich mochten ihn einfach nur als einzigartigen Menschen - der nicht nur uns, sondern auch der Musikwelt fehlen wird.